Wave Gothic Treffen – Wenn Leipzig ein schwarzer Schleier umhüllt

 

Eigentlich ist "Festival" das ganz falsche Wort, um das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig zu beschreiben. Während bei Festivals irgendwo im Dreck eine riesige Bühne aufgebaut wird, auf der dann hintereinanderweg pro Tag zwanzig Bands spielen, man als Gast an ekelhafte Wurstbuden und schlecht sortierte Merchandisingstände gebunden ist und man sich mit tausenden anderen einen Campingplatz teilt, der spätestens nach einem halben Tag zur Kloake mutiert ist, so ist das Wave Gothic Treffen in Leipzig einfach der Inbegriff der idealen Umsetzung einer vor 15 Jahren entstandenen Idee. Man will dem dunklen Volk "sein" Treffen geben, mit Bands, die aufstreben und etablierten Acts, die man immer gerne wieder sieht.


Mittlerweile hat das Wave Gothic Treffen im Jahre 2006 seine 15. Auflage erlebt. Fast alle Leipziger Veranstaltungsorte werden an diesen vier Tagen im Mai mit dunkle Tüchern ausgekleidet und jeder Leipziger weiß, dass es wieder Pfingsten ist. Allerdings - so wirkt es zumindest auf den Besucher – ist das Wave Gothic Treffen in der Leipziger Bevölkerung mehr als nur akzeptiert. Die Blicke sind nicht aufdringlich, sondern wohlwollend, und das ist ein nicht zu unterschätzender, zusätzlicher Spaßfaktor.


Allerdings macht es das dunkel gekleidete Publikum dem Leipziger Durchschnittsbürger relativ leicht. Es soll Statistiken geben, nach denen das Gruftpublikum nicht nur eines der gebildetsten, sondern auch eines der kaufkräftigsten im Musikbusiness ist. Dazu kommen die edelsten (Ver-)kleidungen, die auch dem normalen Auge schmeicheln. Zusätzlich haben fast alle Cafés und Kneipen wie immer Spezialangebote für Treffenbesucher, man bekommt sein Frühstücksbuffet billiger oder mal einen schwarzen Espresso umsonst. Man muss sich ja stärken, und da man nicht an irgendein dummes Festivalgelände gebunden ist, kann man zwischen all den hunderten von
Kneipen wählen, um sich den gesamten Tag zu stärken.

Das Treffen belegt schließlich die ganze Stadt mit Beschlag, egal ob das nun das Haus Auensee ist, in dem in den letzten Jahren häufiger die auch anwesende Fraktion der härteren Gitarren zu hören war oder auch Locations, die eigentlich für Konzerte der sogenannten "Ernsten" Musik gedacht sind, alles wird schwarz. Die Krypta des Völkerschlachtdenkmales begrüßt jedes Jahr wieder die Klänge des Neofolks und die Parkbühne ist eine gemütliche, kleine Freilichtbühne mit viel Charme. Alle Subgenres der düsteren Musik sind vertreten, egal ob das der grandiose Mittelaltermarkt ist, der wirkliche Authentizität versprüht oder finsterster Industrialkrach, der einem meistens im Werk II die Ohren wegpustet.


Im Cinestar finden Lesungen statt, die Kirchen von Leipzig sind mit Orgelkonzerten gebucht, kurzum, es gibt in diesen vier Tagen nichts, was es nicht gibt - außer vielleicht Durchschnittsware. Man fährt mit dem Tagesplaner in der Hand von Location zu Location, entweder im mitgebrachten Auto oder noch besser umsonst mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, denn selbstverständlich sind eben diese im Eintrittspreis enthalten - einfach einsteigen und mitfahren.

Noch immer sind es bei den anwesenden Musikern vor allen Dingen die üblichen Verdächtigen, die irgendwie immer mit dabei sind, bei den meisten Fans eh eine Lieblingsstellung einnehmen und somit nie Fehl am Platz sind. Aber wie üblich kommen auch Newcomer zu Wort egal, ob die Bands bis dato recht unbekannt sind oder als Newcomer richtig eingeschlagen haben. Hinzu kommen richtige Helden der 80er Jahre. Lediglich die ganz ganz großen Namen der Szene wird man auf der Liste der Künstler nicht finden. Dies geschieht allerdings nicht aus Mangel an Interesse der Bands - das Treffen hat eine Art No-Megastar-Policy, und das ist auch gut so!


Neben den grandiosen Locations und der Bandauswahl, die häufig bis zu 250 Künstler bereithält, lässt sich der Charme dieses Treffens vor allen Dingen an den Reizen für die Sinne festmachen. Wenn man gemütlich mit einem Glas Rotwein in der Abendsonne sitzt, egal ob auf dem - übrigens im Vergleich zu Festivalplätzen extremst gepflegten - Campingplatz oder am Straßenrand im Café, der schwarze Film, der vor den Augen abläuft, wirkt manchmal fast surreal. Da gehen einem Gedanken durch den Kopf darüber, wie es wohl wäre, wenn es eine Stadt gäbe, die nur von der schwarzen Szene bevölkert wäre. Phantasie und Realität mischen sich in Leipzig zu einer gemeinschaftlichen Seele und da Besucher aus fast hundert Ländern erwartet werden, trifft man garantiert hier und da auf Menschen aus allen Ecken der Welt, die mit einem trotz ihrer Fremde so viel teilen, dass man vom Wave Gothic Treffen sogar als weltverbindend sprechen darf.


Höflichkeit, Harmonie und Eleganz werden groß geschrieben, jeder versucht sein bestes Outfit hervorzukramen. Es soll Leute geben, die zwei Monate vorher anfangen, nur für das Wave Gothic Treffen neue Kleidung zu schneidern. Das Wave Gothic Treffen in Leipzig deckt jeden dunklen Musikgeschmack ab. Das Wave Gothic Treffen ist es das Herz einer Szene, die weit freundlicher und herzlicher ist, als man es ihr in den Kleinstädten dieser Welt zutrauen würde.

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